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Gastspiel

Ein zuverlässiger Indikator zivilisatorischer Entwicklung ist wohl die Streitkultur – wo Weltanschauungen mit Worten und nicht mit Keulen vertreten werden, darf gewiss von einer höheren Stufe der Zivilisation gesprochen werden. Ganz in diesem Geist präsentieren wir hier auf der Seite der bloggruppe14 von Zeit zu Zeit das Gastspiel von zwei Denkern – Peter Werder und Simon Jacoby–, die ihre journalistische Plattform bei www.dieperspektive.ch haben und sich dort gelegentlich frisch und frei einen verbalen Schlagabtausch liefern.

Im Streitgespräch über Smartphones, Fair-Trade-Kleider und sonstige Dinge, die nerven.

13:54
Simon Jacoby
Lieber Herr Werder, was machen Sie, wenn Sie etwas stört?

13:55
Peter Werder
Ich überlege mir, ob ich es ändern kann oder will. Wenn ja, tue ich es. Wenn es mich stört und ich kann oder will es nicht ändern, dann suche ich einen Weg, damit umzugehen. Die Unterscheidung zwischen Verändern und Akzeptieren ist für mich zentral. Wieso fragen Sie?

14:07
Simon Jacoby
Weil ich immer wieder – auch bei mir – feststellen muss, dass es bei vielem gar nicht so einfach ist, es zu verändern. Beispiel Smartphone: Ich will zwar ein iPhone, aber bin mit den Arbeitsbedingungen bei der Herstellung nicht einverstanden.

14:18
Peter Werder
Dann bleibt Ihnen die Entscheidung, die Arbeitsbedingungen zu akzeptieren (oder zu ignorieren), oder auf das Smartphone zu verzichten. Hier überlege ich: Wie viel bringt es, wenn ich verzichte, und wie gross ist mein Aufwand für den Verzicht. Verändern würde ich wohl mit einem Verzicht nichts, aber es würde mich einschränken. Also kaufe ich das Smartphone.

14:19
Simon Jacoby
Das ist ja eben der Punkt! Sicher macht es einen Unterschied, ob Sie und ich den Pulli von Switcher oder von H&M kaufen. Da wo es faire Alternativen gibt, können wir auch etwas ändern.

14:21
Peter Werder
Der Unterschied ist reine Psychohygiene, so lange sie damit keine flankierenden Massnahmen ergreifen. Da spende ich lieber 100 Franken direkt in ein Projekt, als dass ich Pullis nicht mehr nach Ästhetik kaufe.

14:24
Simon Jacoby
O.K., dann stört es Sie aber nicht genug, dass ein fünfjähriges Mädchen Ihren Pulli genäht hat. Für wenige Rappen Lohn.
Was natürlich schon stimmt und ich gar nicht verstehen kann: Warum müssen viele der Fairtrade-Sachen so komisch aussehen?

14:29
Peter Werder
Es stört mich, wenn ein fünfjähriges Mädchen meinen Pulli nähen muss. Da bin ich nicht der Einzige. Deswegen kümmern sich – das weiss ich ganz direkt – die Importeure darum, das Problem zu lösen. Aber nicht einfach, indem alle Kinder entlassen oder diese Fabriken geschlossen werden, sondern indem man dieses System langsam und strategisch überführt.

14:31
Simon Jacoby
Jaja, das glauben Sie ja selber nicht. Mit dieser Aussage verhöhnen Sie alle, die unter diesem System leiden.
Aber es gibt ja noch andere Dinge, die Sie stören könnten. Massentierhaltung, Umweltverschmutzung und so weiter. Weil Eigenverantwortung bei diesen Themen oft nicht funktioniert, bin ich eher für Gesetze, die das Schlimmste regeln sollen.

14:37
Peter Werder
Nein, ich verhöhne sie nicht. Aber ich finde es verantwortungslos, Kinderarbeit einfach zu verbieten und – die Fabriken zu schliessen. Das tut man nur aus dem politischen Druck heraus, weil die Daueraufgeregten auf Ihrer Seite mit dem grossen moralischen Zeigefinger durch die Gegend rennen. Sie leiden an einem Priapismus des Zeigefingers, ohne die Sache zu verstehen. Es braucht den Druck des Marktes, damit die Herstellung solcher Produkte besser verläuft. Und für eine solche Umstellung braucht es etwas Zeit.

14:41
Simon Jacoby
Der Markt wird keinen Druck aufbauen, weil wir westlichen Konsumenten immer nur nach dem tiefsten Preis greifen. Damit sind wir zurück bei der anderen Frage: Funktioniert bei Ihnen Eigenverantwortung? Oder haben Sie noch andere Mankos, wo Sie etwas tun, obwohl es Sie stört?

14:43
Peter Werder
Moment. Das ist genau die linke emotionale Art, sich in sachlicher Problemlösung zu versuchen. Analysieren Sie die Situation der Kinderarbeit, verstehen Sie, was damit zusammenhängt, und versuchen Sie dann, das Problem zu lösen. Ich weiss aus meinem direkten Umfeld im Bereich des Textilhandels, dass das Problem schon lange erkannt wurde und dass man die Situation laufend verbessert. Der Druck des Marktes (zum Beispiel über einen Social-Media-Shitstorm) ist gross. Es braucht die mit dem schlechten Gewissen aus Ihren Reihen nicht. Und auch Sie kaufen nach dem Preis ein, seien Sie nicht naiv.

14:43
Peter Werder
Und, um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich handle – wie anfangs erklärt – nicht immer, wo mich etwas stört.

14:45
Simon Jacoby
Wo sehen Sie da die Ursachen? Wir sind in unserem Handeln unglaublich frei – privat, politisch und ökonomisch – trotzdem tun wir nicht immer, was unseren Präferenzen entspricht. Warum? Gibt es diese schreckliche Generation Maybe trotzdem?

14:52
Peter Werder
Nochmals: Wenn der Energieaufwand gross, der Impakt aber klein ist, entscheide ich mich, nichts zu tun. Das machen die meisten Menschen so. Das ist eine Form der Abgrenzung. Ethisch ist es, wenn man dieses Nicht-Handeln ergänzt mit einem Fokus des Handelns. Lieber fokussieren, als überall ein bisschen helfen ohne Impakt.

14:53
Simon Jacoby
Es ist doch eine Frage der Konsequenz und der Integrität: Wenn mich etwas stört, muss ich es ändern. Oder aber nichts tun und schweigen. Ich darf motzen, weil am 18. Mai der Mindestlohn begraben wurde, weil ich abgestimmt habe. Alle anderen sollten das nicht tun.

14:59
Peter Werder
Da bin ich ausnahmsweise einverstanden: Handeln oder schweigen. Und es tut mir leid, dass sie am 18. Mai keine gesetzlich verordnete Lohnerhöhung erhalten haben. Sie müssen sich offensichtlich weiterhin dem Markt stellen.

Simon Jacoby schreibt als Co-Chefredaktor, politisiert für die SP und Dr. Peter Werder ist bürgerlicher Politiker, Dozent an der Universität Zürich und leitet die Kommunikation eines Konzerns im Gesundheitswesen. Der Dialog erschien auf www.dieperspektive.ch und wurde uns zur Verfügung gestellt.

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