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Erzählungen

Der ,Große Marsch’ (von Fritz Frey)

Im Land der Mitte schickte die Sonne ihre letzten Strahlen von den entfernten Hügeln über die Reisfelder. Der Himmel hatte sich bereits dunkelrot verfärbt, das emsige Treiben ums Dorf und in den Feldern war zur Ruhe gekommen. Ein frühsommerlicher Tag verabschiedete sich.
Dong-Shua-Li saß vor seiner abseits des Dorfes gelegenen Hütte auf der Bastmatte. Früher hatte Sun-Sha-Li, seine Mutter, den kräftigen, leicht bitter schmeckenden Tee zubereitet. Sie reichte jeweils ihrem Sohn eine Schale davon. Bei ihrem bevorzugten Getränk erholten sich die beiden von ihrem anstrengenden Tagewerk.
Heute saß Dong-Shua-Li allein. Seine Mutter war gestorben. Seine Frau hatte ihn verlassen …
Unvermittelt zerriss aufdringliches Lautsprechergeplärre vom nahen Dorf her die ihm liebgewordene Feierabendstille. Seit Tagen wiederholte sich das Dröhnen des blechernen Untiers.
Aus der Ferne kam, dem üppigen Reisfeld folgend, Dong-Shua-Li’s um viele Jahre älterer Freund, Den-Li-Se, und näherte sich der Hütte. Dong-Shua-Li erhob sich, eilte seinem Freund entgegen und begrüßte ihn aufs Herzlichste. Dong-Shua-Li trat in die Hütte und bereitete eine zweite Schale Tee zu. Er bot seinem Freund einen gemütlichen Platz auf seiner Bastmatte an, auf den sich dieser, dankbar und erschöpft vom Marsch und dem Tagewerk, niederließ.
„ ,Es’ ist wieder im Dorf.“ Mit seinem Kinn in die entsprechende Richtung weisend, murmelte Dong-Shua-Li diesen Satz wie abwesend vor sich hin, dann fuhr er etwas lauter fort:
„Ja, noch vor einigen Jahren war hier alles in alter, guter Ordnung! Neben der Gemeinschaftsarbeit in der Dorfkommune bestellten wir unser eigenes Reisfeld, meine junge Frau und ich. Wir waren stolz auf unser Feld, auf die aufgegangene Saat und freuten uns aneinander. Manchmal hörten wir von Bekannten in der Stadt, dass ‚Es’ dort sei.“
Diesmal wies er mit seinem Kinn über das Dorf hinaus, in die Richtung der nahen Stadt. Er war froh, dass er dem seltenen und unerwarteten Gast seine Geschichte erzählen konnte.
„Eigentlich kümmerten wir uns nicht darum. Tagsüber arbeiteten wir, abends saßen wir zufrieden auf dieser Bastmatte vor unserer Hütte, tranken unseren Tee und schauten die schwindende Kraft der untergehenden Sonne. Wir waren glücklich. Die Schönheit der Landschaft, die Stille dieser Gegend und unser eigenes Reisfeld genügten uns.“
„Dein Reis steht aber auch jetzt gut, viel verändert kann sich bei dir nicht haben. Unglückliche Menschen haben keine gute Saat, “ bemerkte Den-Li-Se und beobachtete aufmerksam seines Freundes Gesichtszüge, in welchen er eine leichte Bitterkeit feststellen konnte, die kaum vom Tee her rührte.
„Ja, lass mich dir erzählen, wie ich meine Freude verlor und eine neue Freude wieder fand. Natürlich bestellte ich mein Feld wie jedes Jahr, meine Mutter half mir dabei. Meine Mutter war aber nicht meine Frau. Mutterliebe ist nicht die Liebe der Gemahlin, die mir die beste Freundin war. Vielleicht war es die Freude und die Liebe der Mutter, die den Reis wachsen ließ. Meine Freude war erloschen, meine Liebe nicht, aber sie war unglücklich. Die Freude an der Arbeit ist wichtig, sonst verkümmert die Saat. Das Reisfeld muss deine Freude spüren, meines spürte nicht meine Freude, nein, es spürte die Freude der Mutter. Diese musste echt sein. Ich glaube nicht, dass meine Mutter sich freute, dass Sun-Se weg war und sie mich wieder für sich hatte. Ich konnte es nicht glauben, dass es diese Freude war, nein, durch solche Freude müsste die Saat verkümmern. Du hast es gesehen, so wie jetzt gedieh die Saat immer. Meine Mutter war nicht falsch.“
Mit einem traurigen Blick, den er dem Dorf zuwarf, fuhr er fort: „Von Woche zu Woche näherte ‚Es’ sich unserem Dorf mehr. Seine Botschaft verkündete ‚Es’ durch scheppernde Lautsprecher. Obwohl diese dröhnten und blechern krächzten, konnte man ‚Seine’ zuckersüße Stimme durch die Geräusche hindurchhören. Diese drang den Leuten ins Ohr, das Gekrächze darum herum hörten sie bald nicht mehr. Aus der Stadt und den umliegenden Dörfern hörte man, dass neue Läden eröffnet würden, während unsere Teestuben eine nach der anderen verschwanden. Neben diesen Läden wurden Lokale eröffnet, in denen unsere jungen Genossen fremdartige Tänze erlernten. Nichts von der Gesetzmäßigkeit unserer anmutigen Tänze enthielten diese. Sie waren fremd, muteten an wie das Chaos. Über den Läden und über den Tanzflächen der Lokale leuchtete eine kreisrunde rote Fläche mit einer Inschrift. Blutrot, fast wie die Sonne, wenn sie hinter dem Horizont verschwindet.“
„Guter Dong-Shua-Li, warum wusstest du dies denn so genau, wenn du kaum je zum Dorf hinübergingst und dich hier mit deiner Welt zufrieden gabst?“
„Weißt du, Den-Li-Se, wenn wir auf den Feldern der großen Republik, unseres Vaterlandes arbeiteten, kamen hin und wieder Passanten aus der Stadt oder den Dörfern und erzählten so anschaulich, dass ich hätte meinen können, ich hätte es selbst erlebt. Ich glaubte, dass uns dieses Geschehen nicht berühren werde. Sun-Le aber horchte jeweils auf, sie war noch sehr jung, das weißt du, vielleicht war sie zu jung für mich, als wir unser großes Hochzeitsfest feierten. Zehn Jahre bin ich älter als sie. Bei uns ist das nichts Besonderes. Sie half mir stets treu bei der Arbeit, im Dorf beim Kollektiv und bei mir auf dem eigenen Reisfeld. Nichts schien unsere Freude zu trüben. Nichts deutete darauf hin, dass ausgerechnet sie jemals eines ‚Seiner’ Opfer werden sollte.“
„Und an euren trauten Abenden hat sie dir da nichts erzählt davon, dass in ihr ein Bedürfnis erwachte, ‚Es’ kennen zu lernen?“
„Sie verriet mir nichts von ihrer Neugierde. Jedes Mal aber, wenn ein Durchreisender von ‚Ihm’ und den Ereignissen in der Stadt oder den Nachbardörfern erzählte, horchte sie stärker auf. Ihr Blick wurde träumerisch, richtete sich in unbestimmte Fernen …“
„Wann war es, dass ‚Es’ in euer Dorf kam?“ fragte Den-Li-Se leise.
Die Sonne war untergegangen, der Himmel schwer dunkelviolett drohend geworden. Nachtschatten dehnten sich aus und begannen die Hügel und das nahe Dorf zu verschlucken.
„Kurz nach der Aussaat, im Jahre des Affen“, antwortete Dong-Shua-Li fast tonlos, „ ‚Es’ zeigte sich nie, seine blutroten Wagen fuhren durch die Strassen des Dorfes. Eigenartige schwarze Schriftzüge hoben sich darauf scharf vom blutigen Untergrund ab. Aus den Lautsprechern, die auf den Wagen montiert waren, klang seltsame Musik. Man hörte sie bis zu den Feldern hinaus. In meinen Ohren tönte sie fremd, sie konnte mein Herz nicht berühren. Bisweilen versuchten mich harte Rhythmen zu packen, bisweilen sanfte Töne mich einzulullen. Aber es war nicht unsere Musik, sie konnte mich nicht erwärmen. Viele neugierige Junge aber rannten zur Straße. Mitgerissen stampften sie die Rhythmen auf das Pflaster, klatschten in die Hände, begannen zu tanzen. Dieselben chaotischen Tänze, von denen Durchreisende früher erzählt hatten. ‚Es’ war jetzt auch bei uns. Alle waren fröhlich! Wer niemals, aus welchem Grund auch immer, ein Wort zusammen sprach, tanzte jetzt und alle lachten sich an. Durch den Lautsprecher sprach ‚Es’ süße Worte zu ihnen, lud sie zu Festen ein und sprach von den unbegrenzten Möglichkeiten, das Leben zu genießen. Seit sie ‚Sein’ Getränk kosteten, wollten sie unseren Tee nicht mehr trinken.
Sun-Le aber war jeden Abend bei mir. Wir tranken unseren Abendtee, ich war glücklich, aber auch blind für ihre Unruhe, die mit jedem Tag wuchs, wie ich im Zurückschauen bemerkte. Vielleicht kümmerte ich mich zu wenig um sie, zu selbstverständlich war mir unser Glück geworden.“

Jetzt ergriff Dong-Shua-Li Den-Li-Se’s Hände: „ Lieber Freund, das habe ich gelernt, ein Glück darf dir nie selbstverständlich werden, nie, lieber Freund, nie … Wenn dir das Glück selbstverständlich wird, entschwindet es dir …“
„Du sagst, du hast ihr zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, du hast dein Glück zu wenig gepflegt, Sun-Le wurde von Unruhe gepackt und du …, was geschah mit dir?“
„Sie war jung, zehn Jahre jünger als ich, ich habe es dir schon gesagt. Ich wusste nicht, dass die Jungen anders zu denken begannen, als wir es gewohnt waren. Sie brachen mit den Bräuchen, sie suchten etwas, was nicht in unserer naturgegebenen Landschaft lag, nicht als Geschenk aus unserer Sonne zu uns strahlte, nicht im Kollektiv der täglichen Arbeit zu finden war. Sie suchten es schon lange.
Kein Mensch bemerkte es, auch die Regierung nicht, oder wenn sie es merkte, unterdrückte sie die Äußerungen dessen, was die Jungen suchten. Die Regierung soll in der großen Hauptstadt sogar mit Panzern unterdrückt haben, was sich in den Jungen regte. Jetzt kam ‚Es’, ‚Es’ wusste genau, was da erwachen wollte. Heute weiß ich es auch, ein Drang nach Freiheit regte und regt sich heute mehr denn je in den jungen Menschen. Sie spüren Fesseln. Sun-Le musste sich auch an mich gefesselt fühlen. Erst jetzt weiß ich das. Es ist vorbei mit der Art zu leben, wie es unsere Väter taten, das hat uns Mao gelehrt, aber er hat uns keinen Inhalt gebracht, der das Schreien nach Freiheit unserer Jungen hätte stillen können.“
„Ein Rätsel ist es schon, was da geschieht. Auch ich kenne viele Junge, die nicht viel darüber sprechen, die aber ganz anders zu leben beginnen, als es uns zuerst von den Alten, dann in der Schule der Roten Republik gelehrt wurde. Wer weiß, wie diese Bedürfnisse erwachten, wer sie verursachte, woher sie kamen?“
„Darüber denke ich die ganze Zeit nach. Ich verstehe die Sehnsucht nach Freiheit, nach Selbständigkeit. In mir wurde sie gestillt durch die weite Landschaft, mein Reisfeld. Sun-Le genügte dies nicht, nicht genügte es vielen, vielen anderen Mädchen und Burschen. Sie ziehen weg, in die Stadt, was sie suchen ist ihr eigener Weg. Den-Li-Se, mein Freund, sie machen sich auf den neuen ‚Großen Marsch’. Der ‚Große Marsch’ von Mao war für alle Chinesen. Aber die Jungen wollen ihren eigenen ‚Großen Marsch’, auf Gedeih und Verderb. “ Dong-Shua-Li fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht, als ob er einen Schleier von seinen Augen entfernen wollte. Er war entspannter geworden, die Gesichtszüge hatten an Bitterkeit verloren, mehr und mehr schien er seine junge Frau zu verstehen, zu verstehen, dass sie einen eigenen Weg gehen musste. Einen Weg, der auch der falsche Weg sein konnte. Versonnen sprach er weiter:
„Die Teestuben in den Dörfern sind geschlossen. Neue Lokale haben diese ersetzt. Keine feinen Gongrhythmen, keine Harfenmusik regen das Gespräch leise an. Eintönige Rhythmen, die oft durch kreischende, manchmal durch zu süße Melodien übertönt werden, bringen die Leute zum Schweigen. Im Tanz des Chaos erfahren sie ihre Freiheit. Ist es die Freiheit, die sie suchen, die sie von uns wegdrängt? Ist es Täuschung? Täuscht ‚Es’ unsere Jungen? Was will ‚Es’ von ihnen, was will ‚Es’ denn mit ihnen? Sag, weißt du es, ahnst du es, was ist ‚Seine’ Absicht? Was ist denn nur ‚Seine’ Absicht?“
„Deine Gedanken, Dong-Shua-Li, sind mir neu, ungewohnt, aber ich verstehe sie. Der Schmerz des Verlustes deines Glücks hat diese geboren. Sie sind dir nicht geschenkt, darum, glaube ich, müssen sie wahr sein. Sag, hast du Nachricht von Sun-Le. Weißt du, was sie auf ihrem ‚Großen Marsch’ erlebt?“
„Als ich eines Abends auf meiner Bastmatte saß und auf sie wartete, kam sie nicht. Ich wartete bis zum Morgengrauen. Früher hatten die Strahlen der aufgehenden Sonne Kraft zum Tagewerk gespendet. An diesem Morgen, nach verzweifelt durchwachter Nacht, hasste ich die Sonne. Ich wusste, dass Sun-Le nicht mehr zurückkommen würde. Lange Tage erreichte mich keine Nachricht von ihr. Ich glaube, sie hat mich nie geliebt. Es war die Tradition, die sie an mich gekettet hatte. Sie musste sich in einem Kerker gefühlt haben. Keine Nachricht erreichte mich. Nicht von ihr, nicht von Passanten. Dann, eines Tages, hing eine Wandzeitung im Dorf. Ein Bild von Sun-Le war darauf. Sie musste ‚Ihm’ besonders gefallen haben. Die Zeitung berichtete, dass in den kleineren Städten und Dörfern eine Theater- und Musikgruppe auftrat, die in ‚Seinem’ Namen die Freiheit versprach. Sie spielten, sangen und tanzten das Spiel des süßen Getränkes. Sun-Le war eine wichtige Schauspielerin dieser Truppe geworden. Ein Stück, in dem sie eine wichtige Rolle spielte, hieß: „Der große Sieg“.“
„Damit konnte nur der Sieg im langen Krieg gemeint sein, meinst du nicht auch, Dong-Shua-Li?“
„Bestimmt! Das Stück war kurz beschrieben. Es handelt von einer Armee, die kraftvoll siegte, solange sie gut mit dem süßen Getränk versorgt wurde. Als es aber nicht mehr gelang, genügend Vorräte anzulegen und die Soldaten damit aufzuheitern, wandte sich das Siegesglück der von der Roten Republik unterstützten Regierung zu. Am Schluss eroberte ein Einsatzkommando einen Getränkevorrat der feindlichen Armee, und strahlend hielt die Kommandantin des Stoßtrupps mit ihrer rechten Hand eine rote Büchse mit dem weißen Schriftzug des Getränkes hoch in die Luft. Es war Sun-Le.“
„Sun-Le hatte Erfolg. Seltsam daran ist, dass da das Symbol des Sieges das Lager gewechselt hatte. Auch der Feind ist gut genug oder wird gar zum Freund, wenn es um dieses Getränk geht. Eigenartig verdrehte Welt! Wer sich darin zurechtfinden kann, nicht mitschwimmt, weißt du, so wie Sun-Le damals, sondern seinen eigenen Weg gehen will, um sich treu zu bleiben, der muss doch ein Stück von der wirklichen Freiheit errungen haben. Sun-Le schwamm auf einer Welle des Erfolges. Sicher. Vielleicht hatte sie sich an ‚Es’ verkauft. Sicher sogar. Wenn man sich nicht an ‚Es’ verkauft, dann hat man keinen Erfolg. Als sie sich aber wieder gefunden hatte, merkte sie, dass die Welt verdreht wurde, um des Erfolges willen, ihres eigenen und den des Getränkes. Sie musste es gemerkt haben, denn sie hat sich wirklich gefunden, glaub’ mir, sie ist heute freier als wir beide. Sie hat schon ein weites Stück ihres ‚Großen Marsches’ zurückgelegt.“
Dong-Shua-Li sann lange vor sich hin. Immer bewusster wurde ihm, dass Sun-Le’s Weg auch ihn auf seinem Weg ein gutes Stück vorangebracht hatte.
„Jahre später, meine Mutter war längst gestorben, hatte ich durch harte Arbeit weitere Reisfelder erworben und war ein angesehener Mann im Umkreis des Dorfes geworden. Die Regierung hatte erkannt, dass die den Bauern eigenen Reisfelder mehr Ertrag abwarfen, als die des Kollektivs und trat den Bauern mehr und mehr Land zur eigenen Nutzung ab. Die Leute haben mich zu ihrem Berater gemacht. Ich erzähle ihnen vom Weg, den der Mensch zurückzulegen hat, um der Gemeinschaft, dem Kollektiv, das zu geben, was es benötigt und selber das zu suchen, was ihm die Freude an der Arbeit gibt. Ich weiß aus eigenem Erleben darzutun, dass nur die Freude den Reis wachsen lässt. Das ist meine wieder gewonnene Freude. Sun-Le hat mich diese erkennen lassen.“
In sich trug nun Dong-Shua-Li das Bild seiner jungen Frau Sun-Le, er hörte darauf, was sie ihm zu sagen hatte: „Dong-Shua-Li“, so sprach sie in ihm, „ich konnte dich nicht lieben, solange die Tradition mich an dich fesselte, ich musste mich befreien von dir, vom Reisfeld, von den Teestuben, den Harfenklängen, den ewig gleichen Sonnenuntergängen, der langweiligen Landschaft. Ich wollte ‚Seiner’ Verführung folgen. Diese wurde mir zur Freude und ich habe aus Freude getan, was du schlecht finden musstest. Die Verführung verlieh mir Erfolge, ich habe die Erfolge genossen und mir ein eigenes neues Leben aufgebaut. Dich werde ich nie wieder sehen. Du warst für mich der Mensch, von dem ich mich befreien musste. Dass du es warst, dafür danke ich dir.“
Noch immer saßen die beiden vor der Hütte auf der Bastmatte, die Frühsommernacht war sehr mild, am tiefschwarzen Himmel funkelten die ersten Sterne. Dong-Shua-Li hatte nochmals Tee aufgegossen. Seine Geschichte war noch nicht zu Ende.
„Hast du seither keine Nachricht mehr von Sun-Le erhalten?“
„Lieber Freund, schau über das Feld hinüber zu den Hügeln, dort zu den Sternen. Funkelnd steh’n sie über dem Horizont. Meine Mutter ist diesen Weg zurückgegangen. Seither bin ich allein. Sun-Le lebt in Peking. Ich weiß nicht viel, von dem was sie dort tut. Nur einmal hat sie mir einen Brief geschrieben. Die erste und die letzte Nachricht von ihr. Darin erzählte sie von ihrem Leben in ‚Seinem’ Dienste. Sie ließ sich von ‚Ihm’ ausbilden, um in ‚Seinen’ Stücken das Getränk des Erfolges anzupreisen und sie hat viel, sehr viel Geld verdient.
Auf einer der Reisen lernte sie einen Studenten kennen, der in Peking für die Freiheit demonstrierte. Er wurde verhaftet, verhört und plötzlich auf unerklärliche Weise freigelassen. Nachdem sie viele Gespräche mit ihm geführt hatte, schrieb sie mir diesen Brief. Sie will nicht mehr zurückkommen, nie mehr. Sie wird mir auch keinen Brief mehr schreiben. Sie musste mit mir brechen, weil sie mit der Tradition brechen musste. Ihr Student ist für sie zur Zukunft geworden. Ich bin für sie Vergangenheit, ebenso wie ‚Es’ für sie zur Vergangenheit geworden ist. Bei ‚Ihm’ hat sie viel Geld verdient. Dieses setzt sie in Peking ein. Sie arbeitet dort so intensiv wie ich hier auf meinen Reisfeldern. Ihre Arbeit ist anders, aber ebenso hart. Mit ihrem Studenten hat sie eine ‚fliegende Abendschule’ gegründet. Das steht nicht im Brief. Bestimmt wollte sie mir keine Angst machen und da ist ja auch immer noch der Geheimdienst. Sie sollen verdächtige Briefe öffnen, habe ich gehört; alles Neue über Sun-Le habe ich von einem gemeinsamen Bekannten durch Zufall erfahren. In dieser ambulanten Schule behandeln sie den ‚Großen Marsch’ von Mao und sie lehren den ‚Großen Marsch’ zur Freiheit des Einzelnen. Nie hätte sie sich diese Erkenntnisse erworben, wenn sie bei mir geblieben wäre, beide wären wir dumpf geblieben. Sie hat die Macht der Verführung und Fesselung des ‚Großen Marsches’ des Geldes erkannt, weil sie ihn selber gegangen ist.“
Lange schaute Dong-Shua-Li in die Weite. Seine Werte lagen in der Landschaft und sein Schatz aus dem er schöpfte, lag in seinem Inneren, dann fuhr er fort:
„Sie hat eben ein gutes, ehrliches Herz. Sie war für ‚Es’ eine Ware, aber sie erkannte dadurch das Wahre.“
Den-Li-Se, sein Freund, sann nachdenklich vor sich hin.
„Mir scheint, guter Freund, dass Sun-Le längst zu dir zurückgekehrt ist, sie spricht in dir als Stimme der Wahrheit und der Freiheit. Du lehrst die Leute mit der Tradition zu brechen, dort wo sie verderblich ist. Du hilfst ihnen dort daran festzuhalten, wo sie nützlich ist. Dong-Shua-Li, ich glaube, auch du bist ein freier Mensch geworden. Dank Sun-Le musstest du den ‚Großen Marsch’ des Geldes nicht gehen. Sie hat ihn dir abgenommen. Sie ist eine wahre Freundin.“
Dong-Shua-Li’s Augen leuchteten: „Den-Li-Se, lieber Freund, so fühl ich es auch, wenn ich zu den Leuten hier spreche. Sun-Le und ich kannten uns nur kurz. Doch arbeiten wir am selben Werk. Gibt es eine Wahrheit, an der wir beide Anteil haben? Gelingt es uns, etwas dazu beizutragen, dass unser geliebtes Land wirklich zum Reich der Mitte wird?“
Lange schauten sich die beiden Freunde an. Tiefes Verständnis strömte vom einen zum andern.
Den-Li-Se verabschiedete sich, er schien alt, sehr alt, als er in die Nacht hinauswanderte.

aus dem Büchlein „Vorhanggeschichten“, Dez. 2008


 

 

Piercings (von Peter F. Keller)

Der Abgeordnete G. (46) schreibt während einer Bundestagsdebatte eine Mail an seine Angetraute C. (42).
Betreff: Dein Schmuck
Liebling
Debatte zum Gähnen. Surfe im Netz. Habe soeben Titelstory in OnlineTime gelesen (Anhang). Kannst du mal die Piercings an deinen Brustwarzen angucken. Brenne auf Feedback.
Tschüss Liebste

(Anhang)
Psychoterror vom Feinsten
Im Biergarten sitzt ein Hells Angel in Vollmontur, vor sich eine Maß und einen Klaren. Nach einer Weile kommt ein aufgetakeltes Möbel an den Tisch und quatscht ihn an. Das erbsengroße Piercing am rechten Nasenflügel sieht aus wie ein goldener Rotz. „Na Schätzchen, Lust auf ein Schäferstündchen?”
Ekelhaftes Scheusal, denkt er. Streit anzetteln ist ihm zu blöd. Er ignoriert das Weib. Sie lässt nicht locker. Hat den gewissen Riecher.
Am andern Morgen hämmert ihn sein Schädel ins Bewusstsein zurück. Nackt, wie Gott ihn niemals erschaffen hätte, liegt er im Puff. Die Hure ist weg, seine Brieftasche mit dem Geld auch. „Drecknutte”, raunzt er. Belämmert torkelt er unter die Dusche. Sie erwischt ihn eiskalt – es fließt kein warmes Wasser.
Eine Viertelstunde später tritt er übellaunig auf den Gehsteig. Vor dem Bordell verhöhnt ihn die Rotzhure. „Auch schon auf den Quadratlatschen, süßer Froschkönig?”
„Meine Brieftasche oder es knallt.”
„Nur ruhig zu, Engelchen, Pinkepinke ist in guten Händen. Lass uns erst einmal zusammen Kaffee trinken.”
„Ich bin nicht verhandelbar.” Der Hells Angel kocht.
Im Lokal um die Ecke sprudelt im Glas neben seiner Kaffeetasse munter ein Alka-Seltzer. Die Nutte kifft Gras. Ihre gelbsüchtigen Finger mit aufgeklebten Krallen umklammern die Espressotasse.
Nur langsam lichtet sich der Nebel in seinem Kopf. Der Typ macht mürrisch auf Schönwetter: „Das Gesöff geht auf meine Rechnung.”
Mit rauchiger Stimme kratzt sie seine Löffel. „Leere Versprechungen werden früher oder später abgestraft, alter Fatzke. Hast ja nicht einmal die Kohle für deinen Kaffee dabei.”
Was will er da abstreiten?
Schonungslos gibt sie den Tarif durch: „Und jetzt hör zu, Kleiner, mein Wille ist dein Weg. Ist das klar?”
Er möchte ihr an die Gurgel springen, doch ein Hells Angel greift keine Frau tätlich an. „Was willst du?”
„Du hast die Wahl. Plan A: Wir gehen jetzt als Ehepaar zur Polizei, ja? Plan B: Du kannst deine letzte Nacht auf Facebook bewundern.”
Ihre Zunge lässt ein zweites Piercing aufblitzen.
Innerlich kochend trinkt er die Tasse leer und versenkt sein Haupt in die Lektüre des Kaffeesatzes. Liest Bahnhof.
Die Hetäre winkt den Kellner herbei und zahlt – mit seinem Geld.
Der Weg nach ihrem Willen ist nicht weit.

Auf der Wache empfängt ein hemdsärmelig haariger Gorilla das Paar. Er schwitzt aus allen Poren. Ein Propeller an der Decke wälzt die dicke Luft um.
„Mein Mann macht mächtig Stunk, ich erstatte Anzeige gegen das Schwein.”
Der Beamte mustert den Hells Angel: „Ihre Ausweise bitte.”
Er behält die Contenance: „Zurzeit verwaltet die Frau an meiner Seite Papiere und Geld.”
Sie legt seine Lederbrieftasche maliziös auf die Theke, dazu ihren Personenausweis und die Arbeitsbewilligung.
Der Beamte setzt sich mit dem Zeug an das Pult direkt unter dem Propeller. Er öffnet die Brieftasche – immerhin respektvoll – und breitet den Inhalt aus getrennt nach persönlichen Ausweisen, Kreditkarten und Geldscheinen – Euro und Schweizerfranken. Im Zweifingertakt tapst er die Personalien der beiden in den Computer. Dann orientiert er den Hells Angel: „Es ist Ihr Recht, jede Aussage zu verweigern. Außerdem bescheinigt Ihnen der Abgeordnetenausweis politische Immunität.”
Der Hells Angel nickt.
Sie zischt über die Theke: „Der Ausweis ist gefälscht, mein Alter ist ein lumpiger Zuhälter und Freier.”
„Was sagen Sie dazu?”, fragt der Polizist den Angeschwärzten.
Nichts.
Sie faucht in seine Richtung. „Ich habe schon tausend Klienten zur vollen Befriedigung bedient und die Knete immer abgegeben. Und was macht der geile Bock damit? Er trägt sie mit falschen Papieren ins Puff.”
Der Beamte wuselt wieder in den Dokumenten. Schließlich bittet er sie um den Wortlaut der Anzeige gegen ihren Mann.
„Ich ziehe die Anzeige zurück”, sagt sie unvermittelt.
Der Polizist verdreht die Augen. „Das geht nicht, ohne sie erstattet zu haben.”
„Selbstverständlich übernehme ich die Gebühren für Ihre Umtriebe”, schiebt der Abgeordnete generös nach.
Sie gackert herrisch: „In Schweizerfranken, und keinen Kassenzettel, nix.”
Der Gorilla steht auf und übergibt die Brieftasche seinem rechtmäßigen Besitzer. Dieser begleicht die Administrativkosten. Die Affäre ist amtlich erledigt.
Das Paar verlässt die Wache. Der Hells Angel will schnellstmöglich in seine Richtung gehen. Dabei rammt er ungewollt ihre Weichteile und muss sich entschuldigen.
„Für ein Bier wirst du wohl noch Zeit haben?”, ranzt sie ihn an.
Er konsultiert seine Luxusuhr.
„Vergiss das Facebook nicht, du schleimscheißender Abgeordneter.”
Er sagt es ungern: „Gerne. Im Biergarten. In einer Stunde. Ich lade Sie ein. Versprochen.”
Sie stakst auf ihren Hochhackern davon. Er hat das Nachsehen.
Die Stunde knallt mit Überschall vorbei.

Vor dem Biergarten steigt ein eleganter Herr in sandfarbenem Zweireiher mit Krawatte aus dem Fond einer schwarzen Limousine. Er trägt ein dunkelbraunes Aktenköfferchen und schaut sich um. Sein schwarzes Haar ist mit Gel streng nach hinten gekämmt. Der Hells Angel hat sich eine andere Identität gegeben: Abgeordneter.
An einem Tisch im Schatten winkt eine Dame, chic gekleidet, smaragdgrün und schulterfrei – unpassend zur ihrer mopsigen Figur. Das halblange Haar blondiert, fliegend, dazu dick aufgetragene Schminke.
Er geht auf sie zu, „hallo”, setzt sich hin und entdeckt zwei weitere Piercings – eines an der linken Schulter, eines an der rechten.
Sie begrüßt ihn nicht, fährt einfach fort, wo sie auf der Wache aufgehört hat. „Der Bulle hat die starke Währung für sich eingesteckt und die Computerdaten gelöscht. Ich kenne die Typen, dumm sind sie nicht.”
Er geht nicht darauf ein und fingert am Zahlenschloss des Köfferchens herum. Schnapp. Der Deckel hebt sich hydraulisch und lautlos.
Der Abgeordnete präsentiert der Dame seine Juwelen: einen Schlagring, ein Klappmesser, einen Elektroschocker, eine Pistole.
Unbeeindruckt zupft sie eine ›Benson & Hedges‹ aus der Goldpackung. Er gibt ihr Feuer. Sie schaut schieläugig in das offene Köfferchen mit weiteren Juwelen. „Waffen interessieren mich nicht, aber die Kröten in deinem Koffer.” Blauer Dunst strömt aus ihrer Nase. Gleichzeitig schiebt sie ihm eine Visitenkarte über den Tisch.
Er liest: Kammerjäger & Co. Vor dem Namen steht Dr. Dr., darunter Vorstandsvorsitzende. Unten eine Mail-Adresse und eine Natel-Nummer.
„Du kannst sie behalten.”
Er lässt sie liegen. „Kakerlaken und Wanzen interessieren mich nicht.”
„Aber vielleicht Facebook und Twitter”, gibt sie höhnisch zurück. „Zur Stunde kann man deine Sexnullnummer noch nicht bewundern.”
Abgebrühtes Hurenweib, flucht er innerlich, bleibt aber bei der Sache: „Noch nicht stellt die Frage nach dem Wann.”
Sie schürzt ihren Schmollmund. „Den Zeitpunkt bestimmst du?”
„Sie wollen das Geld, nicht?”
„Nur wenn es sauber ist.”
„Ist es noch nicht.”
„Das ist wenigstens ehrlich.”
„Als vereidigter Abgeordneter bin ich der Ehr und Redlichkeit verpflichtet.”
„Kompliment. Bei Kammerjäger und Co. sind Schurken von deinem Zuschnitt willkommen.” Sie steckt die Visitenkarte wieder ein.
Beide trinken einen Schluck Bier.
Als wäre es abgesprochen, fährt wenig später die schwarze Limousine wieder vor. Der Abgeordnete zückt seine Brieftasche und macht seine Versprechung wahr. Die Juwelen hat er inzwischen im Köfferchen verstaut, das Zahlenschloss schnappt zu. „Wollen Sie ein Stück weit mitfahren? Meine Frau und ich wohnen in Flughafennähe. Sie arbeitet als fliegender Kurier.
„Seit wann sind Dienstwagen für Abgeordnete Bestandteil der Kostenpauschale?”, fragt die Dame beiläufig und nimmt sein Angebot an.
„Ich werde von zwei Oligarchen gesponsert.”

Die Vorstandsvorsitzende hat im Fond der Limousine Platz genommen. Auf den Knien hält sie einen Kelly Bag. Der Abgeordnete sitzt links neben ihr, auf den Knien das Köfferchen.
Die Dame ist geschäftslaunig. „Schnittstellen in den kommerziellen Netzwerken von dir und Kammerjäger und Co. sind durchaus möglich.”
Kommerzielle Netzwerke – sein gewinnmaximierender Riecher ortet ein Steuerschlupfloch.
Unvermittelt will sie wissen, warum er seine Zeit mit ihr vertrödelt – so kurz vor den Wahlen.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich gesponsert werde. Meine Wahlhelfer kaufen mit dem Geld fleißig Stimmen ein. Öffentlich trete ich nicht auf, persönliche Kontakte sind mir lieber, und die Medien halte ich mir mit einer vorproduzierten Kampagne vom Leib.”
Sie schmunzelt: „Wir könnten seelenverwandt sein, auch ich halte mich im Hintergrund.
Außer beim Anschaffen, denkt er.
„Mein Konzern besteht aus einem Postfach, zurzeit im pazifischen Raum.”
Da staunt er: „So weit weg vom Schuss?”
„Es war die Empfehlung eines Freiers, der mein Studium finanziert hat. Bloß keinen Marmorpalast, hat er gesagt.”
„Was haben Sie denn studiert?”
„Mikroelektronik und Mikrobiotik.”
„Und wer hat Ihre Doktorarbeiten geschrieben?”
„Ein Laptop.”
Denkpause.
Sie wechselt das Thema: „Wirtschaftskapitäne und Politiker flüchten manchmal für eine Auszeit auf eine Pazifikinsel. Dort fläzen sie in Escort-Begleitung unter Strohschirmen, twittern, hacken, skypen, spitzeln und verschieben Fluchtgelder von einer Waschanstalt zur nächsten. Oder sie ziehen Pornos rein oder gucken Filmchen von Wanzen aus unserer Produktion.”
„Facebook-Filmchen”, gakst er und überlegt: Hat sich nicht mein Sitznachbar im Bundestag für eine Auszeit abgemeldet?
„Auch YouTube und wie sie alle heißen.”
„Ganz frei von mönchischer Demut?”
„Mönche sieht man tatsächlich auch. Du kennst das: Identitätswandel.“
„Und was macht Ihr Konzern?”
„Das Volk fordert vom wirtschaftlichen und politischen Filz mehr Transparenz. Kammerjäger und Co. liefert die Wanzen dazu. Meine Piercings sind lediglich ein paar nette Muster aus der Gesamtkollektion.”
Der Abgeordnete starrt auf ihre Piercings. „Das müssen Sie mir erklären.”
„Unsere Wanzen horchen und spähen den ganzen Globus aus. Versuchsweise auch bereits telepathisch. Modernste mobile Mikrobioelektronik.”
„Illegal, skrupellos, verwerflich, unmoralisch. Ein blutsuppiger Tycoon.”
„Die Moral muss manchmal hintanstehen. Denk an dein schmutziges Geld und den Bundestag.”
Jetzt bloß kein Öl ins Feuer. „Wie kommen denn die netten Piercings an die Frau und den Mann?”
Sie lacht: „Filzarbeit im Untergrund.”
Die Limousine schleicht im Stau Richtung Flughafen. Sie will immer noch nicht aussteigen. Sendet sie dem Fahrer telepathische Impulse? Jetzt oder nie, denkt der Abgeordnete.
Schnapp …
Als die Vorstandsvorsitzende in den Lauf seiner Kanone schaut, beteuert sie unerschrocken: „Meine Piercings sind online. Der mobile Server von Kammerjäger und Co. zeichnet alles auf und bunkert es in ozeanischen Tiefen atomsicher für die Ewigkeit.”
„Ihre Erpressungsmethoden sind nicht gerade zimperlich, um nicht zu sagen hinterhältig.”
„Aber nicht mörderisch wie deine.”
Der Abgeordnete legt die Pistole – ein Geschenk der Waffenlobby – zurück ins Köfferchen. Das Wanzenungeheuer hat ihn entwaffnet.

Zwei Stunden später. Die Limousine parkt auf dem Rollfeld des Flughafens neben einem Privatjet. Der dunkelhäutige Pilot und eine Stewardess mit weißem Kopfschleier warten unten am Einstiegstreppchen.
„Ich gehe jetzt mein Postfach leeren”, sagt die Konzernchefin. „Willst du mitfliegen?”
Er zögert.
Sie hilft ihm nach. „Unsere Koalitionsverhandlungen haben doch eben erst begonnen.” Dann steigt sie aus.
Die Schnittstellen mit Kammerjäger & Co. zwicken ihn vom Scheitel bis zur Sohle – und die Moral muss manchmal hintanstehen zeigt Wirkung.
Der Abgeordnete begrüßt die Crew. Auf Geheiß des Piloten gibt er sein Köfferchen ab.
„Zur Sicherheit”, erklärt die Konzernchefin und hievt sich das Treppchen hoch, er hintennach.
Im Jet sitzen bereits der arabische Co-Pilot und der Generalsekretär von Kammerjäger & Co. Er trägt einen Turban und arbeitet an einem Laptop. Die Dame stellt ihn dem Abgeordneten vor: „Ashi. Er ist ein heimatvertriebener Beduine.”
Über Kopfhörer erfährt der Co-Pilot von einer Bombendrohung an Bord und ordnet umgehend die Evakuierung an. Der Abgeordnete bangt um den Inhalt seines Köfferchens.
Blaulichter, Sirenengeheul und Maschinenpistolen umzingeln den Jet. Die arabische Crew und der Beduine werden von Sicherheitsbeamten unsanft abgetastet. In diesem Moment heulen die Turbinen einer andern Maschine auf der Startbahn. Sie explodiert. Ein Feuerball schießt in die Höhe.
Der Pilot entschuldigt sich beim Politiker für die Hautfarbe der Crew und den Turban des Generalsekretärs. „Wir sind uns daran gewöhnt, wie Terroristen behandelt zu werden.”

Auf dem langen Flug in die Nacht ist Kammerjäger & Co. das Thema: „Unsere Agenten, Hintermänner und -frauen agieren diskret und niemals unter Einsatz von Waffen, immer diplomatisch. Sie sind gut ausgebildet in Begleitpsychologie.”
„Und praktizieren Psychoterror wie Sie”, entwischt dem Abgeordneten.
„Wir sitzen alle im gleichen Boot”, sagt sie in 30’000 Fuß Höhe.
Die Koalitionsverhandlungen schreiten flott voran.
Der Abgeordnete zweifelt. „Ihr Konzern ist eine milliardenschwere Luftblase. Ein vom Bundestag gesetzlich verabschiedetes Piercing-Verbot reicht aus und sie platzt.”
„Dann ziehen wir die nächste Generation aus der Schublade: unsichtbare und strahlenabweisende Wanzenimplantate.”
„Langfristiges Marketing”, attestiert der Abgeordnete.
„In der Illegalität wird effizient und zielorientiert gearbeitet wie kaum anderswo”, sagt sie. „Im Übrigen erwarten wir von unseren Bündnispartnern Flexibilität und Loyalität.”
Der Beduine zeichnet das Gespräch auf und protokolliert eine vereinbarte Koalition. Die Vorstandsvorsitzende und der Abgeordnete sind sich einig: es ist eine große Koalition, strategisch manipulationsfähig ausgerichtet und mit erheblichem Machtpotenzial in allen Bereichen.
Die Kopfschleierfrau trägt eisgekühlten Champagner auf. Dem Abgeordneten schießt die kalte Dusche aus dem Puff in den Kopf.
In tiefer Nacht erspäht er durch die Kabinenluke die Krone, sein Lieblingssternbild. Was für ein hübsches Piercing! Auf einmal funkeln am Firmament Myriaden von Wanzen.
Er träumt hellwach: Nach meiner erfolgreich gekauften Wiederwahl und Teilhaber von Kammerjäger & Co. muss das Volksbegehren für mehr globale Transparenz in Politik und Finanzwirtschaft vom Bundestag unbedingt verhindert werden.
C. U. OnlineTime

Als letzter Redner in der Debatte steht der Abgeordnete G. hinter dem Mikrophon. In seiner Jackentasche surrt das Smartphone. „Herr Präsident, Frau Bundeskanzlerin, meine Damen und Herren, ich will Sie nicht noch länger langweilen. Gestatten Sie mir bloß eine Frage: Haben wir heute in diesem Saal mit unserer Arbeit das Geld der ehrlichen Steuerzahler redlich verdient? Ich danke Ihnen.”
Zurück an seinem Platz – versehentlich setzt er sich auf den Sitz seines Auszeit-Kollegen – öffnet er die eingegangene Re-Mail.
Mein Prinz
Lustig, die Geschichte. Bin gerade unterwegs über dem Indischen Ozean für Kammerjäger & Co.
Küsschen

Peter F. Keller

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