Startseite » Gesellschaft

Gesellschaft

Das perfekte Verbrechen

Wie oft zieht man sich mit der Floskel „Es ist halt alles subjektiv und aufgrund dessen ist halt alles relativ“ aus einer ungemütlichen Diskussion. Dass die Möglichkeit dieses Ausweichens bei Kant ihren Ursprung hat, ist den wenigsten Menschen bewusst. Es zeigt sich aber, dass das Denken der Vordenker jenes der Massen nach und nach durchdringt – und wenn es 200 Jahre braucht, bis es auch beim hintersten und letzten der Erdenbürger angekommen ist.
Dass die Welt nur unsere Vorstellung sei und wir, was in Wirklichkeit die Ursachen der Ereignisse seien, niemals durchschauen könnten, ist auch ein derartig aus den Höhen abgehobenen Denkens in die Niederungen des Alltags geflossenes „Kulturgut“.

Das Verschwinden der Realität (das ist der Glaube, dass alles relativ sei und niemand sagen könne, was wirklich ist) ist eine Steigerung der Ansicht, dass „Gott tot ist“ (Nietzsche) bzw. dass die zivilisierte Gesellschaft ihr geistiges Fundament (die Vernunft) zerstört und so den Sinn für den Zusammenhang zwischen Mensch und Schöpfung, zwischen Natur und Geist und zwischen den Erscheinungen an sich verloren hat. Nachdem unsere Gesellschaft „gottverloren“ (Gott ist, wie alle Dinge im Zusammenhang sind) geworden ist, verliert sie auch den Sinn für die Realität (den Sinn dafür, dass alles Gedachte, Gefühlte, Gesagte, Getane eine Wirklichkeit ist, die in den zusammenhängenden Verhältnissen der Welt eine Bedeutung hat, niemals verloren gehen kann und immer weiter wirkt).

Jean Baudrillard (* 27. Juli 1929 in Reims; † 6. März 2007 in Paris) ist der Ansicht, dass das Verbrechen der „Ermordung Gottes“, in diesem Sinne des Verlustes aller Zusammenhänge und Verbindlichkeiten, tiefe Spuren in der Menschheit hinterlassen habe. Wohingegen die Vernichtung der Realität, die besagt, dass unsere Gedanken, Gefühle, unser Sagen und unsere Taten und Leiden nur virtuelle Illusionen seien, keinerlei Spuren hinterlässt, nicht einmal einen Leichnam. Der Leichnam des Realen ist nicht aufgefunden worden; denn das Reale ist nicht tot, es ist schlicht und einfach verschwunden. Es ist ins Virtuelle abgeglitten.
Welche Art Welt ist aber die Welt des Virtuellen? Es ist die Welt der Künstlichen Intelligenz. Darunter können die virtuellen Diagnostikprogramme der Mediziner, die statistikbegründeten Prognosen der Sozio- und Politologen ebenso verstanden werden wie Strategiespiele von der harmlosesten Sorte bis zu jenen der Gewalt und der Perversion, die bis zum Exzess getrieben werden. Der Mensch mit seinen innersten Bedürfnissen aber spürt sich darin nicht mehr und er sucht sich in der realen Erfahrung der Gewalt, der Perversion, des Rausches zu erleben – in der Sehnsucht nach einer auch nur irgendwie gearteten Wirklichkeit.

Baudrillard stellt fest, dass mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz das „höchste Stadium der Klugheit“ einer vollständig für sich bestehenden und grenzenlosen Intelligenz verwirklicht sei. Die alles umfassende Intelligenz hat für alle an ihr Teilnehmenden gedacht und somit vorausgedacht, was bei den daran Teilnehmenden zur völligen Abstumpfung, Dumpfheit und damit Dummheit führt.

Die Welt, wie sie vor uns liegt und die in der Künstlichen Intelligenz „das höchste Stadium der Klugheit, aber auch der Dummheit“ erlangt hat, zeigt „den absoluten Fortschritt hin (…) zu einem automatischen Kalkül, das vor jedem komplexen und analytischen Denken liegt.“ Das ist der Punkt, an dem der Mensch mit selbständigem Denken beginnen kann und damit der künstlichen Intelligenz entgegen denkt oder ebensogut eigenständiges Denken unterlassen und sich damit der Dummheit überantworten kann.
Im Bereich der programmierten Künstlichen Intelligenz hat sich die Menschheit zu diesem Nullpunkt des Denkens, an dem jede Denktätigkeit aufgegeben wird, zurückentwickelt. Es wird für ihn total und integral gedacht und vorgedacht.

Dass sich die postmoderne Gesellschaft der virtuellen Welt überlässt, die schon vorgedacht bzw. vorprogrammiert wurde, ist offensichtlich. „Gesunkenes Kulturgut“ eben. Damit aber ist sie den Vordenkern ausgeliefert und unfrei geworden. Dass diese vorgedachte virtuelle Welt aber auch die unipolare Welt der „Integralen Realität“ sein soll, kommt erst nach und nach zu Bewusstsein. Der Ausdruck davon ist die Globalisierung. Das Weltdorf, in dem der Weltbürgermeister mit seinem Rat, sozusagen mit dem Gehirn des Weltdorfes, bestimmt, was sich gehört und was nicht. Die Wirklichkeit ist im Zuge einer Totalisierung der Welt durch die Guten (diejenigen, welche bestimmen, was die Wirklichkeit ist) im Verschwinden begriffen. An die Stelle der realen Wirklichkeit tritt eine virtuelle Realität, eine integrale Realität, die scheinbar vollkommen, kontrollierbar (überwachbar!!! Danke, Herr Snowden!!!) und ohne Widerspruch ist. Wer nicht denkt wie das Gehirn des Weltdorfes, hat keine Existenzberechtigung und wird ignoriert oder notfalls als Terrorist abgestempelt und darf auf die eine oder andere Art vernichtet werden.
Doch bringt diese fatale Logik des Exzesses zugleich „das verdrängte Andere“ hervor: das Übermaß an Gesundheit ruft den Virus auf den Plan, das Übermaß an Sicherheit neue Bedrohungen und so weiter. Hierin liegt die Intelligenz des Bösen, die bösartige Umkehrung der Struktur gegen sich selbst. Wie schon im Buch Der Geist des Terrorismus zeigt Baudrillard auch in seinen Abhandlungen über die Intelligenz des Bösen, wie das Streben nach der absoluten Kontrolle, das Streben nach der absoluten Herrschaft, das Andere zwingend hervorbringen muss: Das Widerstreben gegen dieses absolute Beherrschenwollen des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Raumes.

So bringen diejenigen, die angeblich den Terrorismus bekämpfen, den Terrorismus erst selber hervor und legitimieren sich damit selbst in jeglicher Grausamkeit. Staatsterrorismus bringt Terrorismus hervor. Terrorismus rechtfertigt sich aus der Unterdrückung durch die totale Kontrolle. Die totale Kontrolle will den Terrorismus verhindern. Ein Teufelskreis im wahrsten Sinn des Wortes. Muss es ja sein nach der „Ermordung Gottes“.

Baudrillard erkennt, dass es ein Denken geben muss, das sich gleichermaßen dieser automatischen Intelligenz sowie der Dummheit widersetzt.

Und er zeigt, wie solche automatisierten Abläufe, die uns an der Verbindung mit der Wirklichkeit hindern, uns auch von der Art von Denken abhalten, das sich zugleich der automatisierten Intelligenz und der durch diese bedingten Dummheit entgegenstellt. Dadurch, dass wir vom aktiv schöpferischen Denken abgehalten werden, wird diese Art Intelligenz des Alltags, welche ihre Perfektion in der Künstlichen Intelligenz findet, böse.

Damit erkennt er das reflexartige Denken durch das Assoziieren erworbener Vorstellungen(anerzogene Normen dessen, was vom Gehirn des Weltdorfes als richtig oder falsch definiert wird) als böse.

Und R. A. Schröder meint: Mit nichts treibst du größere Verschwendung als mit deinen Gedanken. Die meisten, die du denkst, kannst du nicht brauchen, und die meisten, die gebrauchen könntest, bist du zu träg zu denken.

In diesem Sinne ist die virtuelle Intelligenz als „gesunkenes Kulturgut“ die Dummheit unserer Gesellschaft geworden, die in der Trägheit, die Gedanken denken zu wollen, die sie gebrauchen könnte, sich selber zum Verschwinden bringt.

Das in die breite Masse gesunkene Kulturgut der Intelligenz des Bösen führt zum Verschwinden der menschlichen Gesellschaft. Das aber hat die totale Entmenschlichung zur Folge: Lüge, Verrat, Mord, totale Enttabuisierung und Verlust jeglicher Vernunft.

Das Mittel dagegen ist, gegen die künstliche Intelligenz und damit gegen die totale Dummheit zu denken, d.h. die Anstrengung auf sich zu nehmen, die Gedanken zu denken, die jedes Individuum für seine innere Entwicklung gebrauchen könnte. Welche dies sind, muss ihm selber überlassen werden.

Basel, 31. Juli     Fritz Frey

Advertisements

1 Kommentar

  1. Monika-Ulrika Cossé sagt:

    Bedenkens- und bedankenswert!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: